GELD-Magazin, Juli/August 2020
ZUR PERSON Professor Walter Ötsch (geb. 21. Mai 1950) studierte an der Hochschu- le für Welthandel Wien und an der Universität Linz. Als Hochschullehrer der Johannes Kepler Universität Linz gründete und leitet er das gesamt universitäre Zentrum für soziale und interkulturelle Kompetenz sowie das (Forschungs-)Institut für die Ge- samtanalyse der Wirtschaft. Ötsch ist außerdem Gründungsmitglied der Gesellschaft für sozioökonomische Bildung und Wissenschaft und seit Oktober 2015 an der Cusanus Hoch- schule als Professor für Ökonomie und Kulturgeschichte tätig. Haupt- forschungsbereiche liegen in der Kul- turgeschichte der Wahrnehmung, Wirtschaft und Kultur, sowie in den kommunikativen Aspekten von Ge- sellschaft und Politik. Fiskalpolitik betrifft, wurde in einem histo- rischen Höchstmaß reagiert und der Staat hat sich als schnell und handlungsfähig er- wiesen. Zum Beispiel erreichten in den USA im Zuge der Corona-Krise die Fiskal-Maß- nahmen eine Höhe von 13 bis 14 Prozent des BIP. In Deutschland und Österreich wa- ren es jeweils fast zehn Prozent des BIP. Auch im Bereich der Geldpolitik wurde be- reits viel unternommen, und es bleibt abzu- warten, was noch alles an Krediten, Kapital- zuschüssen etc. kommen wird. Aber wenn von staatlicher Seite immense Beträge in die Wirtschaft gepumpt wer- den, hätte das eine hohe Inflation zur Folge, oder? Nein, hier muss man den Automatismus hinterfragen, den die monetaristische Theo- rie postuliert. So haben sich etwa die Bilan zen der Zentralbanken bereits seit 2008 massiv erhöht, dennoch sehen wir keine In- flations- sondern sogar eher eine Deflati- onsgefahr. Zwar kann unter bestimmten hi- storischen Bedingungen eine Ausweitung der Geldmenge zu Hyperinflation führen, aber die Bedingungen dafür sind aktuell nicht gegeben. Was man vielleicht auch hinterfragen sollte: Trotz der historischen Corona- Krise feiern die Börsen weiterhin „Party“, wie passt das zusammen? Hierfür gibt es verschiedene Erklärungen. Zum einen hat sich der Finanzsektor vom realen Sektor weitgehend entkoppelt. Zum anderen werden auf den Börsen Zukunfts- erwartungen gehandelt und die riesigen Rettungspakete haben hier dämpfend ge- wirkt. Gleichzeitig wurden die strukturellen Bedingungen, die zum Finanzcrash 2008 geführt haben, nicht beseitigt. Ein neuer Börsenabsturz zum Beispiel im Herbst oder zu Jahresende 2020 ist durchaus möglich. Sie sprechen prinzipiell von großen Pro- blemen unseres Finanz- und Wirtschafts- systems. Lassen sich diese zumindest vereinfacht zusammenfassen? Dazu zählt das bereits erwähnte Eigenleben der Finanzschauplätze und auch die unge- heure Schere bei der Verteilung des Reich- tums, die noch weiter auseinandergeht. Hinzukommen wildgewordene IT-Firmen, die einen Überwachungs-Kapitalismus ver- folgen. Soll heißen: Facebook, Google und Co. haben soviel Macht über unsere Daten erlangt, dass das demokratiepolitisch nicht mehr tragbar ist. Als die größte Gefahr überhaupt sehe ich wiederum die Umwelt- problematik. Was weiters auf politischer Ebene höchst bedenklich stimmt, ist, dass konservative Parteien in Richtung Rechts populismus abdriften. Wie lassen sich nun die von Ihnen genannten Probleme angehen? Es ist ja nicht so, dass es an Lösungsvor- schlägen mangeln würde. So ist etwa die ökologische Krise schon seit rund einem halbem Jahrhundert bekannt. Seit damals gibt es einen Konsens in den Umweltwiss- chenschaften. Die Frage wurde aber poli- tisch nicht angegangen und in den letzten rund 40 Jahren haben sich C0 2 -Ausstoß und Erderwärmung verdoppelt. Hier müsste man durch staatliche Regulierungen eingreifen, etwa CO 2 -Emissionen verteuern oder ein ausschleichendes Plastikverbot einführen. Oder was die Entkoppelung des Finanzmarktes betrifft, könnte man mit Ent- flechtung, Clearing-Stellen und einer Art von Tobin-Tax entgegensteuern. Warum passiert nichts in diese Richtung? Wie gesagt, fehlt es nicht an Lösungsvor- schlägen, sondern am Willen zur Umset- zung. Ich sehe derzeit auch keine politische Bewegung, die das in die Hand nehmen will. Natürlich sollte man die Hoffnung nicht aufgeben, vielleicht könnte hier gera- de Corona für einen Schub sorgen. Das wäre das positive Szenario aus der Krise. Was wir dringend benötigen, ist eine fun- dierte gesellschaftliche Diskussion über die Strukturdefizite des herrschenden kapitalis- tischen Wirtschaftssystems, um damit Ver- änderungen auf lange Sicht möglich zu ma- chen. Derzeit ist die Welt aber noch im Den- ken der Globalisierung gefangen. www.walteroetsch.at Ein neuer Börsen absturz zum Beispiel im Herbst oder zu Jahresende 2020 ist durchaus möglich. September 2020 – GELD-MAGAZIN . 9
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