GELD-Magazin, Dezember 2018 / Jänner 2019

GELD ° Droht in den USA eine Rezession? John Greenwood: Der Geschäftszyklus sieht wie folgt aus: Die USA haben sich von der frühen ersten Phase in die zweite Phase des Auf- schwungs vorgearbeitet. In dieser erhöht die Fed die Zinsen, aber ohne dieWachstumsexpansion abzuschwächen. Die US-Zentralbanker wol- len die Zinsen nur auf ein ‚normales‘ Niveau zurückbringen, ganz ähnlich wie 1994 und 1995 oder 2004 und 2005. Nach diesen Zins­ erhöhungen setzte die US-Wirtschaft ihre Wachstumsphase einige Jahre weiter fort. Nach 1995 lief der Konjunkturzyklus noch bis 2001. Denn letzterer ist nicht nur ein Antriebsfaktor für die Wirtschaft, sondern auch für die Preise für finanzielle Assets sowie Immobilien und Rohstoffe sowie natürlich auch für die Inflation. Die USA sind also nicht – wie so oft behauptet wird – nahe am Ende ihres Zyklus, sie befinden sich ungefähr in der Mitte der Wachstums- phase. Europa und Japan liegen aber noch deut- lich zurück. Wie sehen Sie die Aussichten für US-Aktien? Zwar ist der US-Aktienmarkt relativ hoch bewertet, wie zB. das oft verwendete zyklus- adjustierte Shiller-Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), auch als Shiller Cape bezeichnet, uns weismachen will. Dieser Indikator verwendet einen zehnjährigen gleitenden Durchschnitt der Unternehmensgewinne. Cape sagt uns ak- tuell, dass sich die Bewertung der US-Aktien auf ähnlich hohem Niveau befindet wie 1929. Das ist aber nur der Fall, weil die Unternehmens- gewinne von 2008 und 2009 noch Bestandteil des Shiller-KGV sind. 2019 werden die Daten von 2008 aus diesemMaßstab herausfallen und Cape wird deutlich zurückgehen. Genauso wird es im Folgejahr 2020 sein. Zudem hat Cape seit 1985 nur zwei Kaufsignale generiert. Es droht also keine Finanzblase? Es gibt zwei Arten von Investmentblasen. Eine ist mit einem Ballon zu vergleichen, der irgendwann platzt. Die Gründe hierfür sind ein rapides Kreditwachstum und hoher Leverage (Verschuldungsgrad). Genau das passierte im Vorfeld der Finanzkrise 2008. Doch heute befinden wir uns in einer gänzlich anderen Si- tuation. In den letzten Jahren haben wir einen starken Deleveraging-Trend (= Schuldenab- bau) gesehen. Es gibt also keinen Ballon. Heute können wir die Märkte mit einer Kinderschau- kel vergleichen. Tiefe Zinsen führen zu starken Anstiegen bei den Asset-Preisen und schließ- lich auch zu deutlich höheren Zinsen – die Schaukel kippt um und die Kurse für alle Assets beginnen immer stärker zu fallen. Wie hoch wird der Schaden für die Kapital- werte sein? Wenn der Konjunkturzyklus noch lange nicht am Ende ist, habe wir gute Aussichten, dass der Rückgang der KGVs durch ein stärkeres Ge- winnwachstum mehr als ausgeglichen wird. In einem Bullenmarkt steigen KGV und Gewinne pro Aktie. In einem Bärenmarkt fallen beide Komponenten. Aktuell fallen die KGVs und die Gewinne steigen. Dafür muss aber die US-Wirtschaft wachsen... Für den Einbruch 2008/09 war exzessives Schuldenwachstum und ein hoher Verschul- dungsgrad verantwortlich – beides haben wir heute nicht. Das Verhältnis zwischen Einkom- men und Schulden im Privatsektor ist nicht gefährlich hoch. Die Gesamtzahl für den Pri- vatsektor (Privathaushalte, Finanzsektor und Nichtfinanzsektor) ist von 296 (2009) auf 226 credit: beigestellt (Simonis) 8 ° GELD-MAGAZIN – Dezember 2018 Der Wachstumszyklus der US-Wirtschaft ist der zweitlängste ihrer Geschichte – und auf gutemWege, der längste zu werden. Unter Experten mehren sich die Unkenrufe, die ein baldiges Ende prognostizieren. Für John Greenwood, Chefökonom bei Invesco, ist die Expansion noch lange nicht am Ende. Wolfgang Regner Werden die USA die Welt in die Rezession stürzen? Schuldenabbau der US-finanz & Haushaltssektoren Der Verschuldungsgrad hat sich seit 2009 mit Ausnahme des Staatsektors deutlich reduziert. Quelle:Macrobond,7.November2018 Staatssektor Nicht-Finanzsektor Finanzsektor Privathaushalte Verschuldung in Prozent des BIP je nach Sektor 1990 1992 1994 1996 1998 2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 2016 2018 120 110 100 90 80 70 60 50 40 Phase 1 Phase 2

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