GELD-Magazin, Dezember 2018 / Jänner 2019

D erzeit erwirtschaftet die Gesundheits- branche weltweit rund 18 Prozent des Wirtschaftsprodukts, im 21. Jahrhundert dürften es etwa 25 Prozent sein. „Life Scien- ces werden sich von allen anderen Trends abkoppeln. Jeder Investor setzt hier dem- nach auf eine Zukunftsbranche“, ermutigte Andreas Grassauer, CEO der österreichi- schen Marinomed Biotech AG, jene Anle- ger, die er mit der Ausgabe junger Aktien gewinnen will, um die Kapitalbasis seines Unternehmens zu stärken. Im November bot Marinomed imRahmen eines geplanten Börsenganges bis zu 552.000 Aktien (inkl. Upsize-Option und Greenshoe) in einer Preisspanne von 75 bis 90 Euro an, was bis zu 50 Millionen Euro in die Kassa spülen hätte sollen. Aber es kam anders als geplant: Aufgrund der schwachen Nachfrage nach den neuen Aktien unterbrach Marinomed die Zeichnungsfrist und verschob den Gang an die Börse auf einen späteren Zeitpunkt. Die Hoffnung besteht darin, dass sich das Kapitalmarktumfeld im Februar oder März 2019 bessern wird, sodass der Börsegang fortgesetzt werden kann; umso mehr, als kürzlich Ex-Politikerin und Industrie-Ma- nagerin Brigitte Ederer in den Marinomed- Aufsichtsrat einzog. Vom Gesichtspunkt der Liquidität aus gesehen hat es Marino- med auch nicht unbedingt notwendig, jetzt Aktien zu verschleudern, denn die Netto- liquidität lag zum Jahresende 2017 bei etwa sechs Millionen Euro, nach einem Jahres- verlust von rund 2,4 Millionen Euro (2017 nahm Marinomed sieben Millionen Euro über die Ausgabe einer Wandelanleihe ein). „Biotech-Unternehmen brauchen einen besonders langen finanziellen Atem, denn Innovationen setzen sich oft erst nach vie- len JahrenderGrundlagenforschung durch“, bestätigt Severin Schwan, CEO des Schwei- zer Konzerns Hoffmann-La Roche, eines der führenden globalen Unternehmen im Bereich Pharma und Diagnostika. Und eine weitere Erfahrung von Schwan: „Für die in- tensive Grundlagenforschung braucht man gut ausgebildete und motivierte Wissen- schafter – und motiviert sind sie nur, wenn sie eng mit den weltweit besten Wissen- schaftern auf ihrem Gebiet zusammenar- beiten können.“ RISIKO-BEWERTUNG So glänzend die Zukunft von Biotechs scheint, so hoch ist aber auch das Risiko, die Milliarden-Investitionen wieder hereinzu- bekommen. Kapitalgeber dieser Branche müssen geduldig und risikoaffin sein. Lang- jährige Erfahrungen zeigen: Von zehn neuen Forschungsergebnissen, die in den Gesundheitsmarkt starten, gehen neun schief. Ergebnisse aus der Grundlagenfor- schung und die Entwicklung neuer Wirk- stoffe brauchen bis zu 30 Jahre, damit sich das eingesetzte Kapital in Form von Divi- denden oder aus dem Erlös eines Firmen- verkaufs rechnet. Von 1000 neu entwickel- ten Molekülen hat oft nur eines, vielleicht ein zweites nach gelungener klinischer Prüfung die Chance auf Durchsetzung auf dem Markt! Schwan sieht in Letzterem die Mega-Herausforderung für die österrei- chische Biotech-Szene. Er verweist aber mit einer provokanten Frage auf deren legen- däre Schwäche: „Warum gehen die meisten erfolgreichen Biotech-Unternehmen in die USA? Weil dort die Risikobereitschaft, die Summe des verfügbaren Risikokapitals we- sentlich größer ist als in Europa, und vor allem in Österreich.“ Und das stimmt, die weltgrößten Pharma-Cluster sitzen in den USA imSilicon Valley und rund umBoston, wo das Massachusetts Institute of Techno- logy (MIT) residiert. In Europa residieren mittelgroße Cluster in der Region London, Oxford, Cambridge sowie um Basel in der Westschweiz. Kleine europäische Pharma- Cluster gibt es in Karolinska in Schweden, in Kaiserberg bei Duisburg in Deutschland und in St. Marx in Wien. „Für Österreich spricht, dass inWien ein kleiner, aber feiner Biotech-Cluster besteht, um den sich eine positive Start-up-Szene entwickelt, aus der zunehmend neue Life Science-Unterneh- men hervorgehen“, sagt Schwan. BIOPHARMA IN ÖSTERREICH Der kürzlich veröffentlichte Life Scien- ce Report Austria 2018 lässt mit Rekord- ergebnissen aufhorchen: So lag der Jahres- umsatz der rund 900 österreichischen Life Science-Unternehmen mit knapp 55.500 Beschäftigten bei 22,4 Milliarden Euro, das sind 6,1 Prozent des österreichischen BIP. Die Austria Wirschaftsservice GmbH (aws) CREDITS: beigestellt, Marinomed, Valneva, seventyfour/stock.adobe.com AKTIEN ° Biotech in Österreich 72 ° GELD-MAGAZIN – DEZEMBER 2018 Gesundheit ist laut Zukunftsforschern das Megathema des 21. Jahrhunderts. Je höher sich eine Volkswirt- scha entwickelt, umso mehr Geld geben die Menschen für den Erhalt bzw. die Wiederherstellung ihrer Gesundheit aus. Damit ist ein massives Wachstum der Life Science-Branche vorprogrammiert. Ernst A. Swietly Moleküle, Manager und Moneten VALNEVA Wieder im Aufwärtstrend: Die Belastung des Kurses durch die Kapitalerhöhung ist verdaut.

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