GELD-Magazin, November 2018

creditS: G enau zehn Jahre liegt die Geburts- stunde von Bitcoin und der Block- chain-Technologie zurück, als der anonyme Entwickler unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto seinen Entwurf eines neuen de- zentralen und elektronischen Geldsystems an einen kleinen Kreis von Kryptografie- Enthusiasten einer privaten Mailingliste schickte. Heute – zehn Jahre später – bli- cken wir auf eine Milliardenindustrie, die langsam beginnt, aus ihren Kinderschuhen herauszuwachsen. Wir sprachenmit Profes- sor Alfred Taudes, dem Leiter des For- schungsinstituts für Kryptoökonomie an der Wirtschaftsuniversität, über sein Insti- tut, den Blockchain-Hype und über die Er- wartungen an die neue Technologie. GELD ° Bitcoin und Blockchain dürften heute den allermeisten Leuten ein Begriff sein. Erklären Sie uns doch bitte, was wir uns unter Kryptoökonomie vorstellen dürfen? Alfred Taudes: Der Begriff Kryptoökonomie beschreibt die Verbindung kryptografischer Verfahren mit einer verteilten Datenbank. Der ökonomisch relevante Aspekt für uns am For- schungsinstitut dahinter ist die Spieltheorie, die für den Konsensmechanismus verwendet wird. Die Kombination von asymmetrischer Kryp- tografie und ausgeklügelten spieltheoretischen Anreizmechanismen ermöglicht nämlich, dass eine Blockchain nachträglich nicht mehr änder- bar ist. Das ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass sich Werte überhaupt transferieren lassen. Klassische Datenbanken sind diesbezüglich eher mit dem Versenden einer Email vergleich- bar – wurde eine Nachricht versandt, lässt sich die jeweilige Kopie der Nachricht sowohl auf der Sender- als auch auf der Empfängerseite nach- träglich ändern. Ein Informationsaustausch in einer Blockchain ist jedoch viel eher vergleich- bar mit demphysischen Austausch von Bargeld. Gebe ich Ihnen einen Zehn-Euro-Schein, ist er von mir weg und Sie haben ihn. Nicht die technische Umsetzung ist daher die eigentliche Innovation, die Ihr Interesse weckte, sondern dessen Kombination mit klassischen spieltheoretischen Modellen? Ja genau! Es gab schon viele Versuche, krypto- grafisch elektronischesGeld zuprogrammieren, doch erst die Verbindung einer algorithmen­ basierten Lösung mit einem komplexen ökonomischen Anreizsystem war die eigent- liche große Leistung Satoshi Nakamotos. Bei einem verteilten Ledger (Anm.: Konto- buch) besteht grundsätzlich immer ein Anreiz, die eigene Transaktion unter den Tisch fallen zu lassen und damit Mehrfachausgaben zu täti- gen. In einer klassischenDatenbank würdeman dies durch eine zweite Kommunikationsrunde lösen, in der die anderen Parteien um Geneh- migung gefragt werden. Einer der einfachsten Wege dafür ist der Mehrheitskonsens. Dieser setzt aber voraus, dass ich weiß, wer im Netz ist, dass ich die Anzahl der Nutzer bestimmen kann, um die Mehrheit überhaupt ermitteln zu können und dass ich jeden immer erreiche. Bei einem offenen System wie Bitcoin, wo jeder je- derzeit beitreten und es verlassen kann, ist das aber nicht möglich. Und hier kommt die Spieltheorie ins Spiel? Genau, denn das Geniale an der Idee von Sa- toshi Nakamoto war es, das Betrügen mittels ökonomischem Anreiz teuer zu machen. Damit ich die Blockchain-Einträge überhaupt updaten kann, muss ich zuerst investieren, nämlich in Hardware und Energie, um über die Zufalls- suche beimMining einenbestimmtenHashwert zu ermitteln. Kurz gesagt: Um die Datenbank verändern zu dürfen, muss man zahlen. Der zweite wesentliche Bestandteil ist die Ver- öffentlichung des Updates. Erhält ein anderer Knoten mehrere unterschiedliche Versionen der aktualisierten Blockchain, so hat er eine einfache, aber wirksame Entscheidungsregel, umherauszufinden, welche davon er akzeptiert – nämlich die längste. Würde ich betrügen und verschicke eine Blockchain mit unterdrückten Transaktionen, dann ist diese kürzer und wird von den anderen Teilnehmern verwor- fen. Folglich verliere ich aber die Belohnung, die ich bekommen würde, wenn die anderen Teilnehmer meine Version der Blockchain ak- zeptieren, nämlich die neugenerierten Bitcoins am Ende jedes geminten Blocks. Das Anreizsystem der Bitcoin-Blockchain beweist sich bereits seit fast zehn Jahren. An welchen Innovationen forschen Sie nun am Institut weiter? Verteilte Ledger-Anwendungen beschränken sich ja bekanntermaßen nicht nur auf den Zahlungsverkehr. Das kryptografisch-spiel­ theoretische Prinzip dahinter lässt sich für jeden Wertetransfer verwenden und Wert kann dabei vollkommen abstrakt, beispiels- weise als Reputation, definiert sein. Wir hier an der WU forschen an den theoretischen und praktischen Umsetzungen solcher alternativen Anwendungslogiken, also ganz allgemein an sogenannten „Token-Ökonomien“. Bitcoin ist ebenfalls ein Token, der mir, vergleichbar mit : ivanashoots 16 ° GELD-MAGAZIN – November 2018 Das Interesse der breiten Masse mag zwar gesunken sein , doch im Hintergrund wird weiterhin eifrig an der Blockchain-Technologie geforscht. Professor Alfred Taudes spricht mit dem GELD-Magazin über die letzte große Protokollinnovation, die das Potenzial hat, ganze Branchen zu verändern. Moritz Schuh „Ein ökonomisches Anreizsystem ist die wahre Innovation!“ geldanlage  ° Im Gespräch mit Prof. Alfred Taudes, Institut für Kryptoökonomie, WU Wien

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