GELD-Magazin, November 2018

Brennpunkt  ° Zinswende I st die Welt ein auf Schulden aufgebautes Kartenhaus, das eine Zinswende zusam- menkrachen lassen würde? Dieser Eindruck könnte entstehen, wenn man den Worten von anerkannten Experten wie IWF-Chefin Christine Lagarde lauscht. Sie warnte im Oktober vor einem möglichen „Wetterum- schwung in der Weltwirtschaft“ und ver- wies dabei auf den seit Ausbruch der globa- len Finanzkrise kräftig angewachsenen Schuldenberg. Dieser hat sich auf stolze 182 Billionen Dollar angehäuft. Dabei ist das noch nicht einmal die ganze Wahrheit. In der Kreide Gerhard Winzer, Chefvolkswirt der Erste Asset Management (EAM), fasst die Situation wie folgt zusammen: „Die globale Verschuldung ist in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegen, das betrifft Staaten, aber auch den privaten Sektor. Ins- gesamt beträgt die Gesamtverschuldungs- quote somit mehr als 300 Prozent des welt- weiten BIP. Addiert man außerdem Ver- sprechen für zukünftige Leistungen, wie etwa Pensionen und das Gesundheitssy- stem, bis 2050 hinzu, fallen nochmals rund 100 Prozent der Wirtschaftsleistung der entwickeltenWelt an! Und natürlich bedeu- ten Schulden ein höheres Risiko für Staaten, Unternehmen und auch Privatpersonen.“ Wesentlich ist hierbei, ob die Verschul- dung in einer fremden oder der eigenen Währung denominiert ist. Im Notfall kann eine Zentralbank nämlich immer Geld dru- cken, um die Schulden in der eigenen Wäh- rung zu tilgen. Im Fall einer Auslandsver- schuldung in einer fremden Währung ist dieseMöglichkeit verschlossen. Man spricht hier auch von der „original sin“, also der „Ursünde“ des Schuldenmachens (in die- sem Jahr ist zum Beispiel die Türkei mit ih- rer hohen Verschuldung in US-Dollar unter die Räder gekommen). Wichtig: Die Schul- den der Länder in der Eurozone müssen so betrachtet werden, als ob sie in einer frem- den Währung denominiert wären. Denn es gibt keinen österreichischen oder italie- nischen Euro. Wäre das so, könnte die Zen- tralbank eines Landes „einfach“ Geld dru- cken, um die Schulden zurückzuzahlen. Die Vereinigten Staatenj können hingegen auf diese Möglichkeit zurückgreifen und ma- chen das auch immer wieder gerne. Nur keine Panik Was jetzt also tun mit der gigantischen Schuldenlast, wenn die „Druckerpresse“ wie im Falle Europas keine Universallösung bieten kann? Jedenfalls nicht in Panik ver- fallen, denn für die Schuldenquote gibt es laut EAM-Experten Winzer keine natür- liche Obergrenze, die Alarmglocken schril- len lässt: „Entscheidend ist immer das Gläu- bigervertrauen und die Anschlussfinanzie- rung, weshalb es für Schuldner sehr wichtig ist, vertrauensstiftende Maßnahmen zu set- zen. Dazu gehören insbesondere Maßnah- men zur Steigerung der Produktivität sowie zur Senkung der Schuldenquote.“ Gelingt das nicht, steigt der Risikoauf- schlag und die Finanzierung wird teurer. Das vermindert das zur Verfügung stehen- de Einkommen und engt den Handlungs- spielraum ein. Der finanzielle Druck steigt, es gibt weniger Wachstum, im schlimmsten Fall kommt es zu einer Rezession. „Deshalb ist auch die Versuchung groß, die Zinsen unter dem BIP-Wachstum und der Inflati- onsrate zu halten – am besten im negativen Bereich“, führt Winzer im Gespräch mit dem GELD-Magazin weiter aus. Genau dieses Szenario entwickelte sich als Folge der großen Weltwirtschaftskrise, die im Jahr 2008 durch die berühmt-berüchtigte creditS: bereitgestellt/Archiv, pixabay 12 ° GELD-MAGAZIN – november 2018 Seit 2007 ist der weltweite Schuldenstand um deftige 60 Prozent gestiegen und beträgt laut IWF heute über 180 Billionen Dollar. Andere Berechnungen gehen von noch weit höheren Summen aus. Angesichts dieser Entwicklung wird vor einem Kippen des Finanzsystems gewarnt, wenn die Zinsen weiter steigen. Harald Kolerus Wetterumschwung in der Wirtschaft Österreich: Schulden steigen deutlich stärker als BIP Im internationalen Vergleich steht Österreich bei der Staatsverschuldung nicht schlecht da, die Wirtschaftsleistung kann mit den neuen Krediten aber nicht mithalten. Quelle:OeBFA,OeNB,StatistikAustria,Wifo,AgendaAustria 1980 1970 1975 1965 1985 1990 1995 2000 2005 2010 2015 120 80 40 0 nominell (1962 = 1) 124,2-Fache Staatsschulden Bund von 2,3 Mrd. € auf 289,9 Mrd. € BIP von 14,7 Mrd. € auf 369,9 Mrd. € 25,1-Fache

RkJQdWJsaXNoZXIy MzgxOTU=