GELD-Magazin, Juli/August 2018

Der Minsky-moment WISSEN Juli/august 2018 – GELD-MAGAZIN ° 89 Z u seinen Lebzeiten erfreute sich der US-Ökonom Hyman P. Minsky (1919– 1996) nicht gerade ausufernder Popularität. Nach seinem Studium an der Harvard University beim weitaus berühmteren österreichischen Wirtschaftswissenschafter JosephSchumpeter lehrte er anderWashing- ton University in St. Louis. Nicht gerade die erste akademische Adresse in den Vereinig­ ten Staaten. Ansonsten kam Minsky, der wesentlich von John Maynard Keynes be­ einflusst worden war, mit dem Geist seiner Zeit nicht wirklich zurecht: Mit dem immer stärker aufkeimenden Wirtschaftsliberalis- mus hatte er sich nie anfreunden können. Alles in allem verlief seine wissenschaftliche Karriere ziemlich unspektakulär und sein Schaffen fand nur wenig Beachtung. Das sollte sich posthum allerdings gehörig ändern. Nackte Verzweiflung Die „späte Auferstehung“ Minskys fand in den Jahren 2007 und 2008 statt, als die in- ternationale Finanzkrise losbrach. Hier kam nämlich ins Spiel, was in der Fachliteratur heute als Minsky-Paradoxon, Minsky-Mo- ment, Minsky-Kollaps oder Minsky-Melt- down bezeichnet wird. Der Begriff Minsky- Moment bleibt dabei besonders klingend im Ohr hängen, worum handelt es sich da- bei? Vereinfacht gesagt geht es um einen plötzlichen Vertrauensverlust der Markt- teilnehmer in das Finanzsystem. Der Mins- ky-Moment beschreibt das Umschlagen von „Schönwetterstimmung“ in nackte Panik. Für die ausführlichere Definition müs- sen wir weiter ausholen: ImMittelpunkt der Überlegungen steht die Finanzierung von Unternehmen, Haushalten und Banken. Dabei lassen sich laut Gablers Wirtschafts- lexikon drei Arten differenzieren: 1. Sichere Finanzierungen, bei denen die Kreditnehmer sowohl die Zinsen als auch die Rückzahlungen gewährleisten können. 2. Bei spekulativen Finanzierungen reichen die Einnahmen der Kreditnehmer aus, um die Zinszahlungen, nicht aber die Rückzahlungen sicherzustellen. Insbe- sondere Banken operieren auf diese Art und Weise und sind somit auf liquide Märkte angewiesen, die eine laufende Re- finanzierung sicherstellen. 3. Ponzi-Finanzierung: Charles Ponzi (1882–1949) galt als der größte Betrüger seiner Zeit, sein Name wird seither gerne als Synonym für Schneeballsysteme ver- wendet. Hier sind die Kreditnehmer we- der in der Lage die Kredite zu bedienen, noch die Zinszahlungen vollständig zu gewährleisten. Die Kreditnehmer speku- lieren darauf, dass die Preise der kredit­ finanzierten Assets ansteigen, um somit die Schulden zu tilgen. In einer Auf- schwungsphase nimmt die Zahl der Pon- zi-Finanzierungen zu, da die Gewinner- wartungen sukzessive steigen und höhere Vermögenspreise diese Einschätzung zu- nächst bestätigen. ImLaufe der Zeit steigt die Risikobereitschaft der Marktteilneh- mer immer weiter an, sie vernachlässigen die Risiken und überschätzen die Rendi- teaussichten. In Folge steigt die Verschul- dung und immer mehr Kreditnehmer wechseln zur Ponzi-Finanzierung. Kommt es nun zu Erschütterungen des Systems, etwa durch eine restriktivere Geldpolitik, bleiben die Gewinnaus- sichten plötzlich hinter den Erwartungen zurück: Die Vermögenspreise fallen und Kredite werden nicht mehr bedient. Crash! Nun ist der Minsky-Moment da: Suk- zessive werden Verwerfungen an einzelnen Teilmärkten auch auf andere Finanzmarkt- segmente übertragen. Dann kommt es zu einemVerfall der Vermögenspreise auf brei- ter Front und erheblichen Auswirkungen auf die reale Sphäre der Volkswirtschaft. Das auffälligste Anzeichen des Minsky-Mo- ments ist ein „Bank-Run“, wenn also alle Sparer gleichzeitig die Banken stürmen und panisch ihr Geld abheben wollen. Die Folge ist notgedrungen ein Crash auch der gesün- desten Institute. Ganz so schlimm kam es 2008 nicht, der Vertrauensverlust stürzte die Welt dennoch in die schlimmste Wirt- schaftskrise seit 1929. Beunruhigend: Niemand vermag den nächsten Minsky-Moment vorherzusagen. credit: pixabay Zähneknirschende Sparer bilden endlos lange Warteschlangen vor Banken, weil sie unbedingt an ihr Geld kommen wollen. Wenn man solche Szenen beobachtet, dann spätestens ist er gekommen: Der Minsky-Moment. Er steht für den Verlust des Vertrauens in Wirtschaft und Kreditsystem. Harald Kolerus Wenn Panik das Sagen hat Wann kommt der nächste Minsky-Moment? Noch erscheint die Lage an den Finanz­ märkten relativ ruhig. Das kann sich ändern.

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