GELD-Magazin, Juli/August 2018

GELD-Magazin, Juli/August 2018

H inter den scheinbar unveränderten Kulissen der Assekuranzen vollzieht sich eine stille, aber tief greifende Revoluti- on. Sie ändert Geschäftsprozesse, Produkte, Leistungen und Vertrieb. Der neue Kurs heißt Digitalisierung. Das ist eine neue In- formationstechnik, die automatische daten- gestützte Geschäftsabläufe über elektro- nische Plattformen ermöglicht. Betroffen sind neben Versicherungen und deren Kun- den alle Vermittler von Versicherungs- dienstleistungen wie Makler, Agenten und angestellter Versicherungs-Außendienst. Der neue elektronisch unterstützte Denkansatz bei Versicherungen soll diese traditionell bedächtige, oft sogar phlegma- tische Branche schlagkräftiger, effizienter, serviceorientierter und kundennäher ma- chen. Durch neue digitalisierte Betriebsmo- delle werden alle verfügbaren Kundendaten nach neuen Gesichtspunkten kombiniert, individuelle Kundenbedürfnisse ausgelotet und neue Leistungskombinationen ver- marktet. Aus normierten Massenprodukten für jedermann werden maßgeschneiderte Angebote für Einzelpersonen. Die Versicherungen werden damit zwar nicht neu erfunden, aber es kommt zu einem gravierenden Paradigmenwechsel. Z.B.: Zusätzlich zur üblichen Schadenleis­ tung imVersicherungsfall werden die Versi- cherungen ihren Kunden künftig gezielt helfen, den Eintritt von Versicherungsfällen möglichst zu vermeiden, teure Schäden aus- zuschließen. Aus dem bisherigen Verhältnis Kunde zu Unternehmen soll eine Partner- schaft werden, denn das Vermeiden von Schäden nutzt gleichzeitig beiden Partnern. Neue Visionen der Assekuranz Klaus Mühleder, er leitet in der Vienna Insurance Group (VIG) die Konzernent- wicklung und Strategie, spricht bezüglich Digitalisierung seines Konzerns von einer Zwei-Wellen-Strategie und erläutert diese anhand einer Grafik (s. unten): „Die untere Welle stellt die bloße Digitalisierung des derzeitigen Betriebsmodells dar. Das be- deutet: Was wir bisher gemacht haben, wer- den wir durch neue technologische Ent- wicklungen und Mittel effizienter gestalten, aber grundsätzlich tun wir damit das Glei- che, was wir immer schon gemacht haben. Z.B. im Schadenfall erhält der Kunde die Versicherungsleistung. Bei der zweitenWel- le der Digitalisierung geht es jedoch um ein neues Geschäftsmodell, um neue Interak­ tionsformen mit dem einzelnen Kunden. Wir stellen ihm z.B. auf seinem iPhone per Filmzuspielung ein neues Produkt vor; oder wir fragen ihn, wie viel ihm der Versiche- rungsschutz eines Produkts in bestimmten Situationen seines Bewegungsmusters und seiner Lebensumstände wert ist. Im Winter bieten wir einem Kunden z.B. einen hö- heren Unfallschutz an, weil er Skisportler ist; in der übrigen Zeit, wo er zuhause ist, geben wir ihm einen höheren Einbruch- oder Berufsrisikoschutz. So etwas gibt es derzeit noch nicht, wäre aber in Zukunft dank Digitalisierung durchaus machbar.“ Für machbar hält es Mühleder auch, dass Versicherungen gemeinsam mit ihren Kunden dem Eintritt von Schäden vorbeu- gen, umunangenehmeWertverluste hintan­ zuhalten. Dazu könnte eine neue, spezi- fischere Form der Telematik dienen. Diese helfe schon heute z.B. Straßenverkehrsun- fälle zu vermeiden. „Das wäre ein bedeuten­ des Ziel unserer zweiten Digitalisierungs- welle.“ Treiber der Digitalisierung Was für die Banken heutzutage Fintechs sind, sind bei den Versicherungen soge- nannte Insurtechs: Beide sind meist junge innovative Start-up-Unternehmen, die neue elektronische, datengestützte Geschäftsmo- Versicherungen  ° Digitalisierung 86 ° GEld-Magazin – JULI/AUGUST 2018 Die Konkurrenz schläft nicht. Aber gerade das Thema Digitalisierung bietet Versicherungen gute Möglich- keiten, umWettbewerbsvorteile zu erzielen. Dabei geht es in Richtung individueller Versicherungsverträge, die sich einfach an die wechselnden Kundenbedürfnisse anpassen. Ernst A. Swietly Große Herausforderung creditS: beigestellt, Stadler: Ian Ehm Quelle:VIG Die zwei Phasen der DigitALISIERUNG Das Ziel ist, jederzeit auf individuelle Änderungen der Kundenbedürfnisse zu reagieren. • Digital to Consumer“ – mobile und digitale Schnittstellen zu Kunden • Automatisierung von Prozessen und Abläufen, vor allem in Standardfällen • Schaffung zusätzlicher Dienstleistungen,die – weil automatisiert – skalierbar sind • Neue Leistungsangebote von Versicherungen aufgrund neuer Geschäftsmodelle • Schaffung neuer Interaktionsformen entlang der „Customer Journey“ • Digitalisierung des heutigen Betriebsmodells als Voraussetzung Welle 1: Digitalisierung des heutigen Geschäftsmodells Welle 2: Schaffung neuer Geschäftsmodelle

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