GELD-Magazin, Juli/August 2018

GELD-Magazin, Juli/August 2018

d ie Weltwirtschaft ist 2017 so stark ge- wachsen wie seit dem Jahr 2011 nicht mehr. In den vergangenen Monaten hat al- lerdings die Unsicherheit über die weitere Entwicklung deutlich zugenommen. Unter anderem sorgen die protektionistische US- Handelspolitik und geopolitische Risiken für Sorgenfalten. Bei einemVortrag inWien beleuchtete der renommierte Ökonom Mi- chael Heise die Situation. Seiner Meinung nach wird sich der Aufschwung im Euro- raum, der bereits seit 2014 anhält, auch wei- terhin fortsetzen. Konkret erwartet er für heuer einen BIP-Anstieg von 2,1 Prozent und 1,9 Prozent im kommenden Jahr. „Die Konjunktur ist im ersten Jahresviertel nur vorübergehend ins Stottern geraten“, zeigt sich der Experte zuversichtlich. Vor allem die Besserung am Arbeitsmarkt spreche für eine Erholung. So wird die Arbeitslosen- quote in der Europäischen Währungsunion (EWU) 2019 voraussichtlich unter acht Pro- zent fallen, wobei das Tempo des Rückgangs abnimmt. Zusammen mit leicht verstärkten Lohnsteigerungen bei verhaltenen Infla­ tionsraten ergebe sich eine gute Grundlage für den privaten Konsum. Mit diesem wie- derum gehen günstige Absatzperspektiven für Unternehmen und Investitionsanreize einher. Die Investitionstätigkeit wird zu- gleich durch weiter vorteilhafte Finanzie- rungsbedingungen und die hohe Kapazi- tätsauslastung im Industriesektor unter- stützt. Expansive Impulse werde es imEuro- raum auch durch die Geld- und Fiskalpoli- tik geben. Alles in allem sei nicht mit einer deutlichen EWU-Konjunkturabkühlung zu rechnen. Im Gespräch mit dem GELD-Ma- gazin führte Heise näher aus, welche Trends uns in näherer Zukunft begleiten werden. GELD ° Immer mehr Indikatoren deuten an, dass das Wachstumstempo der Wirtschaft seinen Höhepunkt erreicht hat. Müssen wir uns deshalb bald auf den Abschwung einstellen? Michael Heise: Wenn wir uns zunächst auf Europa konzentrieren, sehe ich aktuell kei- ne spürbare Abkühlung kommen. Über 2019 hinaus besteht laut unseren Prognosen aber das Risiko, dass die gute Phase des Konjunk- turzyklus zu Ende geht. Dann wäre nicht genug Zeit, um die Geldpolitik wieder zu normalisie- ren. Entweder kämen dann Straffungsschritte der Europäischen Zentralbank zusammen mit einer Konjunkturabschwächung oder die Nied- rigzinsphase würde sich noch mehr festigen. Derzeit vollzieht sich der Ausstieg der EZB aus ihrer ultra lockeren Geldpolitik weiterhin in Minischritten. Ende dieses Jahres dürfte die EZB zwar ihr Anleihekaufprogramm einstel- len, Tilgungszahlungen bei Fälligkeit werde sie aber weiter reinvestieren. Eine erste Leitzinser- höhung ist erst ab Mitte 2019 zu erwarten. Die unlimitierte Liquiditätsbereitstellung für Ban- ken wird bis mindestens Ende 2019 fortgeführt werden, eine Reduktion der EZB-Bilanzsumme ist nicht vor 2020 zu erwarten. Alles in allem fällt Ihr Ausblick also eher optimistisch aus? Der ifo Geschäftsklimaindex und andere In- dikatoren zeigen eine Abschwächung des Wirtschaftswachstum an. Wir glauben aber an eine vorübergehende Delle, die weitere Richtung wird auch von der Entwicklung im Handelskonflikt abhängen. In den letzten Jah- ren hat die gute wirtschaftliche Performance zusammen mit wesentlichen Strukturreformen jedenfalls dazu beigetragen, dass im Euroraum die Altlasten der Krise und makroökonomische Ungleichgewichte kontinuierlich reduziert wurden. Ebenso hat ein Trend zu mehr Konver- genz unter den Mitgliedsländern bei zentralen gesamtwirtschaftlichen Größen eingesetzt. Ob- wohl Schwächen wie der immer noch hohe öffentliche Schuldenstand fortbestehen, spricht einiges dafür, dass der Euroraum heute krisen- resistenter und stabiler dasteht als vor der Krise im Jahr 2007. Wobei man natürlich politische Risiken nicht außer Acht lassen kann. Mit den Brexit-Verhandlungen, den politischen Risiken in Italien und der unsicheren Regierungssi- tuation in Spanien ist Europa so beschäftigt, dass weniger Handlungskraft und Ressourcen für andere wichtige Angelegenheiten verblei- ben. Die Initiative von Frankreichs Macron, die europäische Integration einen großen Schritt voranzubringen, wird auf beträchtliche Wider- stände stoßen. Obwohl die wirtschaftlich gute Situation Reformen begünstigen würde, sind nur kleine Integrationsfortschritte wahrschein- lich. In Italien zeigt der aktuelle Zuspruch zu populistischen Parteien die Verwundbarkeit der Währungsunion von nationaler politischer Seite. Bislang sind die Marktakteure davon ausgegangen, dass eine italienische Regierung letztlich keinen Kurs fahren wird, der gegen den Euro oder das europäische Regelwerk ge- richtet ist. Diese Wahrnehmung könnte sich nun ändern. Die Entwicklung ist besonders be- dauernswert, weil zentrale Umfragen wie das Eurobarometer der EU-Kommission eindeutig zeigen, dass sich die EWU-Bevölkerung mehr- heitlich klar für den Euro ausspricht. Sie haben bereits den Handelskonflikt angesprochen, wie wird es hier weitergehen? Wir gehen nicht von einer Eskalation aus und glauben, dass sich doch die Vernunft durchset- zen wird. Dennoch birgt meiner Meinung nach ein zunehmender Protektionismus die größte 8 ° GELD-MAGAZIN – juli/AUGUST 2018 Der drohende Handelskrieg und andere makroökonomische Risiken drängen die bange Frage auf: Steuert die glo- bale „Wachstumsparty“ ihrem Ende entgegen? Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz SE, weist auf Gefahren für die Konjunktur hin, prinzipiell bleibt er aber optimistisch gestimmt. Nicht zuletzt sind Europa und vor allem Österreich gut aufgestellt. Harald Kolerus Robuste Wirtschaft, aber ... credit: 4prpofit Verlag/Ivana Jovic

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