GELD-Magazin, Juni 2018

Im Gespräch mit Matthias Horx °  brennpunkt GELD ° Herr Horx, gerade Österreicher genie- ßen manchmal das zweifelhafte Image, in Pes- simismus zu schwelgen.Wie schlimm oder gut sind Gegenwart und Zukunft aber tatsächlich? Matthias Horx: Bleiben wir zunächst bei der Gegenwart: Sie wird oft von vielen Men- schen negativer wahrgenommen, als sie in der Realität ist. Betrachten Sie zum Beispiel die globale Lebenserwartung, sie liegt im Durch- schnitt für die rund 7,3 Milliarden Menschen, die aktuell auf dem Planeten leben, bei stolzen 71 Jahren. Ich möchte das als sensationellen Er- folg der Globalisierung bezeichnen. Ein anderes Beispiel ist die weltweite Analphabetenquote, die 20 Prozent beträgt, wobei global gesehen bereits 92 Prozent aller Kinder eingeschult wer- den. Vor hundert Jahren sah hier das Bild noch ganz anders aus. Das ist erfreulich, aber wie steht es umThemen wie Klimaerwärmung oder Terrorismus, die ja nach wie vor in aller Munde sind? In der Tat ist bei Terrorattacken seit den 1970er Jahren keine Zunahme der Opfer zu beklagen, und was den Klimawandel betrifft, gibt es An- zeichen dafür, dass die Welt auf einen Peak des CO 2 -Ausstoßes zusteuert. Es gibt aber noch viele weitere Beispiele, die jetzt keinen nega- tiven Input haben: So leben heute rund zwei Drittel der Menschheit in demokratischen Ge- sellschaften und nur mehr zehn Prozent unter der Armutsgrenze. Die Welt wird somit auch gerechter. Was den materiellen Wohlstand betrifft, wächst sie in Form einer globalen Mit- telschicht immer weiter zusammen. Weiters konnten wichtige Erfolge im Kampf gegen Kin- dersterblichkeit erzielt werden oder es wurden im Falle von Naturkatastrophen die Hilfsmög- lichkeiten verbessert. Letzteres hat unter anderem Ursachen, die vielleicht trivial klin- gen: So gibt es heute Straßen, die es früher nicht gab, auf denen die Betroffenen vor den Kata- strophen fliehen können und die gleichzeitig Hilfsleistungen erleichtern. Und wie sieht es mit der Sorge darum aus, dass die Menschheit ins Unermessliche wächst und ihr die Ressourcen ausgehen? Was das Bevölkerungswachstum betrifft, wird Prognosen zufolge der Zenit zwischen 2060 und 2070 bei 9,9 bis 10,5 Milliarden Menschen erreicht sein. Diese Anzahl an Erdenbürgern könnte auch schon mit den heutigen Res- sourcen locker ernährt werden – wenn besser organisiert und weniger verschwendet werden würde. Warum existiert dann oft eine negative Sicht auf die Zukunft? Überspitzt ausgedrückt, geht man in Deutsch- land heute ohne apokalyptische Talk-Show am Abend gar nicht mehr schlafen. In Österreich ist die Welt mit der Habsburger Monarchie ja bereits vor 100 Jahren untergegangen – viel- leicht sieht man die Dinge hier deshalb etwas entspannter. Aber Scherz beiseite: Tatsäch- lich hat die negative Weltsicht etwas mit dem sogenannten Confirmation Bias zu tun. Das bedeutet, dass der Mensch die Tendenz dazu zeigt, vor allem jene Informationen wahrzu- nehmen, die er schon hat. Ein gutes Exempel dazu liefert die „Weiße-Weihnacht-Illusion“: Viele Menschen glauben, dass in ihrer Kind- heit schneereiche Weihnachten viel öfter der Fall waren als heutzutage. Hier trügt die Erinne- rung, denn meteorologische Statistiken zeigen klar auf, dass sich beim Schneefall zu Weih- nachten nichts Wesentliches verändert hat. Dieses Muster funktioniert auch bei Informa­ tionen, die als negativ wahrgenommen werden. Sie zeichnen alles in allem ein positives Bild der Gegenwart, wie wird die Zukunft aussehen? Vorweg möchte ich festhalten: Die Welt ist und bleibt ein gefährlicher Ort; natürlich kann ich überfahren werden, allerdings ist die Wahr- scheinlichkeit dafür gefallen. Die größte Gefahr ist eine mentale, nämlich den Geist nicht zu öff- nen und sich auf Probleme zu konzentrieren – das führt zu einer Verkrampfung.Was die wei- tere Entwicklung betrifft, so sind wir immer mit Trends und entsprechenden Gegentrends kon- frontiert, was zu Zukunftssynthesen führt. Das zeigt sehr gut die viel diskutierte Digitalisierung auf, die als Gegentrend das ausgelöst hat, was man als „die Rache des Analogen“ bezeichnet. Zum Beispiel das Comeback von Schallplatten aus Vinyl, Polaroid-Fotos und den Boom bei Bibliotheken etc. Auch sind es nicht zuletzt die großen Internet-Unternehmen, die besonders schöne Zentralen errichten, wo sich Menschen gerne begegnen. Tatsächlich entsteht Zukunft dann, wenn Beziehungen gelingen. www.horx.com Horx: „Nur mehr zehn Prozent der Mensch- heit leben unter der Armutsgrenze.“ Der bekannte Zukunftsforscher erklärt, warum unsere Welt in der Realität gar nicht so übel ist, wie sie oft in unseren Köpfen erscheint. Denn so sind Wohlstand, Lebenserwartung und Alphabetisierung stark angestiegen, auch vor der zunehmenden Digitalisierung müsse man keine Angst haben. Harald Kolerus Die abgesagte Apokalypse Juni 2018 – GELD-MAGAZIN ° 9 credit: beigestellt

RkJQdWJsaXNoZXIy MzgxOTU=