GELD-Magazin, März 2018

W ie schon im Wahlkampf, stellt der Standortwettbewerb auch im gemeinsamen Regierungsprogramm der neuen Koalition ein zentrales Thema dar. Neben flexiblen Arbeitszeitmodellen, Steuer- und Abgabensenkungen sowie Bü- rokratieabbau werden auch die Stärkung und Reformierung des österreichischen Ka- pitalmarktes als entscheidende Faktoren für die internationale Konkurrenzfähigkeit hervorgehoben. Ein Bekenntnis, das sowohl auf Seiten der Anleger, als auch der In­ dustrie auf Gegenliebe trifft. Der ATX stieg kurz nach Veröffentlichung des schwarz- blauen Programms um 130 Punkte. Börse Wien-Chef Christoph Boschan zeigte sich zu den Plänen zufrieden, plädierte aber für eine rasche Umsetzung des Programms. Auch die Industriellenvereinigung und das Aktienforum begrüßten in einer gemein- samen Pressekonferenz Mitte Februar die „ersten positiven Signale für eine kapital- marktpolitische Wende“. Doch was bedeu- tet diese konkret? GroSSe Pläne in der Theorie Im Kapitel Wirtschaftsstandort und Entbürokratisierung widmet sich das Pro- gramm der Regierung auf knapp einer Seite den Plänen zur Schaffung einer „lücken- losen Unternehmensfinanzierung entlang aller Entwicklungsphasen“. Um Neugrün- dungen, Innovationen und Investitionen voranzutreiben und somit den Wirtschafts- standort Österreich zu stärken, muss die Verfügbarkeit von Kapital über den gesam­ ten Unternehmenszyklus und für alle Be- triebsgrößen verbessert werden. Dazu sol- len neben der Unterstützung der klassischen Kreditfinanzierung auch alternative Finan- zierungsformen ausgebaut und erleichtert werden. Im Bereich des Kapitalmarktes will man mit Reformen die Praxisnähe und Effi- zienz steigern sowie Kosten und Bürokratie für Unternehmen senken. Wie genau dies aussehen soll, wird im Programm großteils nur vage skizziert. Einige Punkte lassen je- doch bereits bestimmte Vorhaben erahnen. Risikokapital von Institutionellen investoren ermöglichen Die Austrian Private Equity und Ven- ture Capital Organisation (AVCO), die Dachorganisation der österreichischen Be- teiligungskapitalindustrie, trat letzten Ok- tober mit einem Maßnahmenkatalog zur Förderung vorbörslichen Risikokapitals an die Regierung heran. Speziell wurde darin eine Standortstrategie für die Gründung und Ansiedlung von Eigenkapitalfonds ge- fordert. Österreichischen und internationa- len Investoren soll durch geeignete Rah- menbedingungen die Investition in Risiko- kapitalfonds ermöglicht werden. Dadurch soll die Lücke gerade in diesem Bereich ge- schlossen werden, die der Rückzug der Ban- ken aufgrund der strengeren regulato- rischen Vorgaben seit der Wirtschaftskrise hinterließ. Die neue Regierung scheint diesem Wunsch nachkommen zu wollen. Um als internationaler Standort für VC/PE-Ma- nagementgesellschaften und Fonds attrak- tiv zu werden, verspricht man nämlich, eine entsprechende Gesamtstrategie Risikokapi- tal zu entwickeln. Außerdem soll auch eine Novellierung der Gesetzgebung betreffend Mittelstandfinanzierungsgesellschaften stattfinden, wobei diese auf die Rechtsform einer KG ausgeweitet werden soll. Mit einer auf die Bedürfnisse vonWagnisfinanzie rern zugeschnittenen Fondsgestaltung soll es in- und ausländischen institutionellen Inves­ toren ermöglicht werden, via österreichi­ scher Fonds in Wagniskapital zu investie- ren. Konkret schwebt der schwarz-blauen Regierung vor, die Anlageklasse Eigen- und Risikokapital für institutionelle Investoren, wie Pensionskassen und betriebliche Vor- sorgen, in der Größenordnung von drei bis zehn Prozent für Investitionen in österrei- chische Unternehmen zu öffnen. Dritter Markt der Wiener Börse soll belebt werden Unter dem Punkt ‚Kapitalmarkt refor- mieren‘ wird auf den Abbau von Regulie- rungen und die, im Regierungsprogramm auffallend viel zitierte, Rücknahme von Gold-Plating verwiesen. Mit diesem Begriff wird die nationale Übererfüllung von EU- Richtlinien und Verordnungen beschrie- ben. Und auf eine solche bezieht man sich hier konkret am Beispiel des Dritten Marktes der Wiener Börse. Dieser ist ein ungeregelter und von der Wiener Börse AG als multilaterales Handelssystem betrie- bener Markt, auf demWertpapiere einbezo- gen werden, die nicht zum Amtlichen Han- del geeignet sind. Er wäre also vor allem für Klein- und Mittelbetriebe und in weiterer Folge wiederum für die Start-up-Szene in- teressant, weil er keinen Börsenprospekt er- fordert und keine Vorschriften in Bezug auf die Rechtsform besteht. Seit dem Jahr 2011 ist er für inländische Emittenten aber faktisch gesperrt. Durch das damalige Gesellschaftsrechtsände- rungsgesetz dürfen Unternehmen, die nicht am geregelten Markt notiert sind, nur mehr creditS: beigestellt, IV / Johannes Zinner, Parlamentsdirektion / Simonis Brennpunkt  ° Geplantes Regierungsprogramm 12 ° GELD-MAGAZIN – märz 2018 Mitte Dezember wurde das Programm der neuen schwarz-blauen Regierung präsentiert und offenbarte ein deutliches Interesse an der Aufarbeitung kapitalmarktpolitischer Agenden. Doch wie konkret sieht es wirklich aus und welche Vorhaben lassen sich bereits herauslesen? Moritz Schuh Revitalisierung des Kapitalmarktes

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