GELD-Magazin, März 2018

I m GELD-Magazin war bereits eine Vor- warnung zu lesen: Die Banc of America zeigte sich alarmiert, weil die Zuflüsse in US-Aktien kaum erahnte Höhen erreicht hatten. Damit war im sogenannten Bull & Bear Indicator das „größte Verkaufssignal seit fünf Jahren“ zu erkennen gewesen. Dass es sich dabei um keine hohlen Worte han- delte, bekamen Aktionäre kurz darauf zu spüren: Die US-Börsen gingen schlagartig auf Tauchkurs. Aber wie unerwartet kam der Absturz eigentlich, wenn Stimmungs- barometer schon zuvor die „rote Fahne“ ge- hisst hatten? Tatsächlich hält sich die Über- raschung unter Experten in Grenzen. So meint Frank Caruso, Fondsmanager des American Growth Portfolios von Alliance- Bernstein: „In vielerlei Hinsicht wurde der Abschwung weithin erwartet, aber die Ge- schwindigkeit und die Größe haben viele überrascht und waren für einige Anlegern eher unangenehm. Auslöser waren wohl stärker als erwartete US-Gehaltszahlen so- wie Anleihen-Renditen, die aufgrund von Inflationsängsten weiter anzogen. Es gab bereits vorher Befürchtungen, dass stei- gende Zinsen zu einer Neubewertung von Aktien führen würden; diese Nachrichten lösten dann breitere Verkäufe aus. Auch technische Kräfte haben mitgespielt.“ Denn Regelbasierte Anlagestrategien, die bei Vo- latilitätssprüngen gezwungen sind, Aktien zu veräußern, haben Verluste laut dem Ex- perten möglicherweise noch vergrößert: „Der Verkauf war oft breit gestreut, ohne Rücksicht auf die fundamentale Stärke ein- zelner Unternehmen.“ „unauSWeiChliChe KoRReKtuR“ Ebenfalls „nicht überrascht“ zeigt sich Matthew Benkendorf, Chief Investment Of- ficer der Quality Growth Boutique bei Von- tobel Asset Management: „Unserer Ansicht nach war eine Korrektur unausweichlich, nur der Zeitpunkt war unsicher. In den ver- gangenen Jahren haben die Aktienmärkte gute Nachrichten widergespiegelt, wie De- regulierung in den USA, den stärkeren Ar- beitsmarkt, Lohnwachstum und die jüngsten Steuerkürzungen. Jetzt ändern die Investoren aber ihren Fokus und legen ihn auf ,bad news‘, wie das US-Haushaltsdefizit, was einer der wichtigsten Katalysatoren für den jüngsten Ausverkauf war.“ Alles in allem spricht der Experte allerdings von ei- ner gesunden Korrektur: „Dass eine gesun- de Portion Skepsis an die Märkte zurück- kehrt, ist eine gute Sache. Von Panik ist also unter den abgebrühten Investmentprofis wenig zu spüren.“ So auch bei Christian Preussner, Leitender Client PortfolioMana- ger für US-Aktien bei JPMorgan Asset Ma- nagement: „Unserer Ansicht nach haben wir eine rein technische Reaktion der Märkte auf eine lange und außergewöhnlich ruhige Phase an den Aktienmärkten gese- hen, die in einigen Segmenten sicherlich zu einseitigen Positionen und exzessiver Risi- konahme geführt haben.“ So wurde in den vergangenen Monaten sehr ausgeprägt auf einen anhaltend niedrigen VIX (Volatility Index) spekuliert. Preussner führt aus: „Die quasi Verdoppelung des Volatilitätsbaro- meters in den letzten Tagen hat gerade in diesen Short-Vola-Positionen für Korrek- turbedarf gesorgt, was entsprechend zu massiven Glattstellungen führte und sicher- lich zu dem starken Verkaufsdruck an den Märkten beigetragen hat. Wir erwarten in der fortgeschrittenen Phase des Wirt- schaftszyklus nun weiterhin eine höhere Volatilität an den Kapitalmärkten, aber der Aufwärtstrend erscheint weiterhin intakt.“ FlaSh-CRaSh Innerhalb der langfristigen Aufwärts- bewegung könnte uns ein Phänomen je- doch immer häufiger begleiten: „Die Ge- fahr von sogenannten Flash-Crashs ist in den letzten Jahren größer geworden, und zwar einerseits durch den großen Verkaufs- erfolg volatilitätsbasierter Investmentstra- tegien, deren Volumen nach Schätzungen des IWF inzwischen bei über 800 Milliar- den liegen dürfte. Bei Marktturbulenzen CREDITS: beigestellt, vector-eps.com Brennpunkt ° US-Crash 10 ° GELD-MAGAZIN – MÄRZ 2018 Aktionäre hielten den Atem an, als der Dow Jones Anfang Februar ohrenbetäubend nach unten donnerte – der Verlust von über 1100 Punkten innerhalb eines Tages stellte dabei einen historischen Rekord auf. Die Angst vor einer Verkaufspanik und dem großen Crash ging allerdings nicht lange um: Die Börsen befinden sich bereits wieder auf Erholungskurs. An solche Achterbahnfahrten wird man sich gewöhnen müssen. Harald Kolerus Der ganz normale Wahnsinn „Eine gesunde Portion Skep- sis an den Märkten ist eine gute Sache“ Matthew Benkendorf, Vontobel S&P 500: ERhOLUNG der breite uS-index ließ sich durch den Flash-Crash nicht wirklich aufhalten. 2.200 2.000 1.800 1.600 1.400 2.400 2.600 2.800 2013 2014 2015 2016 2017

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