GELD-Magazin, Dezember 2017

creditS: beigestellt BUCHTIPPS Neuerscheinungen & Pflichtlektüre 90 ° GELD-MAGAZIN – Dezember 2017 Wo der Markt regiert. Der Autor Eamonn Butler (mit Studienabschlüssen in Wirtschaftswissenschaften, Psychologie und Philosophie) ist Direktor des Adam Smith Instituts, einer führenden politischen Denk­ fabrik. Der Mann hat also umfassende Bildung vorzuweisen, was im vorliegenden Buch auch zum Ausdruck kommt. Er hat sich in „Wie wir wurden, was wir sind“ nichts Geringeres vorge­ nommen, als einen unkomplizierten Über­ blick zu den Prinzipien, Persönlichkeiten und wichtigsten Entwicklungen des Klassischen Liberalismus zu bieten. Das ist auch durchaus gelungen, wobei die Betonung auf „unkom­ pliziert“ liegt, denn noch tiefer in die umfang­ reiche Materie konnte auf 153 Seiten einfach nicht eingegangen werden. Somit besteht der wesentliche Vorteil des Buchs in seiner Kürze und Komprimiertheit, ohne zu simplifi­ zieren – es versteht sich als Einführung, ohne breiten Raum für Diskurs oder gar Anekdoten zu schaffen. Nichtsdestotrotz wird weit in der Geschichte ausgeholt: So erfahren die Leser, dass einige Denker des Klassischen Liberalis­ mus ihre Ideen gerne auf den chinesischen Philosophen Lao-Tse zurückführen. Er hatte schon im 6. Jahrhundert vor Christus eine „Beschränkung der Macht des Anführers“ ge­ fordert. So wird der Bogen über Proponenten wie John Locke,Voltaire, natürlich Adam Smith, Friedrich August von Hayek und Milton Friedman bis in die Gegenwart gespannt. Die Lektüre eignet sich jedenfalls für Studenten der Ökonomie, aber auch für alle Leser, die Interes­ se an einer systematischen sowie übersicht­ lichen Darstellung des Liberalismus zeigen. Zeitgeschichte I. 2018 jähren sich zwei schicksalsträchtige Ereignisse zum 100sten Mal: Das Ende des Ersten Weltkriegs sowie damit unmittelbar verbunden der Unter­ gang der Habsburgermonarchie. Genau diesen Themenfeldern hat sich der Historiker Hannes Leidinger angenommen, wobei er die interes­ sante Frage stellt:Wie kam es innerhalb von wenigen Tagen zumTotal-Crash einer über 600 Jahre andauernden Monarchie? Die Anzei­ chen eines völligen Zusammenbruchs hielten sich laut dem Autor trotz sozialer Spannungen und wirtschaftlicher Krisen nämlich zunächst in Grenzen.Allerdings stand das k. k. Regime schon vor Ausbruch des „großen Krieges“ nicht mehr so stramm, wie uns das die Bilder von Landesvater Franz Joseph I. oft so gerne suggerieren wollen. Die Möglichkeiten des Un­ tergangs waren stets vielerorts gegeben – und zwar nicht nur unter dem Zeichen des Dop­ peladlers.Wir lesen: „Wellenartig aufeinander folgende Zusammenbrüche von Imperien und Reichen traten als geschichtliche Erfahrungen ebenso wie als drohende Gefahr in Erschei­ nung.Vor diesem Hintergrund galten vornehm­ lich das Osmanische Reich, das Romanov­ imperium und die Habsburgermonarchie als ,kranke Männer am Bosporus,an der Newa und an der Donau’.“ Viel war also nicht mehr zu retten, wobei Leidinger schreibt, dass das Ende Österreich-Ungarns eher militärisch, politisch und territorial zu verstehen sei. Nicht so sehr hingegen wirtschaftlich, sozial und vor allem mental – in dieser Hinsicht ist der Doppeladler in Mitteleuropa und besonders in Österreich nicht völlig in der Versenkung verschwunden. zeitgeschichte II. Aus den Trümmern des Habsburgerreiches erhob sich 2018 die „Republik Deutschösterreich“. Kein einfaches Unterfangen, wie Autor und Historiker Walter Rauscher in „Die verzweifelte Republik“ ein­ dringlich beschreibt. Der Zusammenbruch des alten Regimes führte zu teilweise chaotischen und brandgefährlichen Zuständen. Noch wäh­ rend des Krieges wurde die Monarchie vom globalen Markt abgetrennt, was ökonomisch natürlich höchst dramatische Folgen zeigte. Es regierte die staatliche Kriegswirtschaft unter Ausschaltung der Gewerkschaften, die Arbeits­ losigkeit stieg bei gleichzeitigem Facharbei­ termangel, Unternehmensstilllegungen und Transportproblemen. Daraufhin verschlechterte sich die Versorgungslage und die unruhigen Massen strömten auf die Straßen. So streikten im Jänner 2018 in Österreich rund 600.000 Arbeiter, die Stimmung wurde immer radikaler. Es kam auch wiederholt zu Plünderungen und Gewalttaten: Kriegsgefangene brachen aus der Haft aus, zurückkehrende Frontsoldaten über­ fluteten förmlich das Land und „trieben sich nicht selten wie Desperados auf den Straßen herum. Die Kriminalität durch verwahrloste Jugendliche nahm stetig zu. (...) Das völlig verunsicherte Bürgertum fürchtete Anarchie und Weltrevolution“, zeichnet Rauscher ein Bild des Schreckens dieser Tage.Viele Po­ litiker sahen damals die Rettung in einem Anschluss an Deutschland, die Entscheidung fiel aber doch zur Gründung einer eigenstän­ digen Republik. Die Verzweiflung – autoritärer Ständestaat und Eingliederung in Hitler- Deutschland – wollte aber kein Ende nehmen. Der untergang der habsburgermonarchie Hannes Leidinger.Verlag:Haymon.439 Seiten. ISBN:978-3-7099-7066-9 Wiewirwurden,waswir sind Eamonn Butler.Verlag:FBV.153 Seiten. ISBN:978-3-95972-044-1 dieverzweifelte republik Walter Rauscher.Verlag:K&S.223 Seiten. ISBN:978-321801086-3

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